
Jahr für Jahr dient das Wattenmeer Millionen von Zugvögeln als Raststätte. „Das ist wie ein Himmelsballet, wenn die riesigen Starenschwärme die Sonne verdunkeln“, schwärmt Naturguide Iver Gram. „Schwarze Sonne“ heißt dieses einzigartige Naturphänomen. Seine Begeisterung für diese Landschaft überträgt sich sofort auf seine Gäste, die er zu einer Austernsafari begrüßt. „Grenzen sind dazu da, überschritten zu werden“, macht er jenen Mut, denen die Vorstellung von nackten Füßen im Watt zunächst keine Begeisterung auf die Gesichter zeichnet. Und es wirkt. Die Wattwanderung bis an die Wasserkante, das Schmatzen des Schlicks, das Sammeln der Austern sowie die Begegnung mit Krebsen und Würmern begeistern alle. Zurück am Strand rückt er den gesammelten Austern mit Zange und Messer zu Leibe. „Weiß, fett und sooooooooo frisch!“, in diesem Fall teilen ausnahmsweise nicht alle Teilnehmer Grams Begeisterung.
Naturerlebnisse liegen im Trend. Das beschauliche 1.500 Seelendorf Højer, drei Kilometer von der Wattenmeerkante entfernt, erhofft sich deshalb auch von der jungen Radroute durch das Grenzland einen Gästeaufschwung. Harry Nielsen, Hotelier in Højer, glaubt an die Zukunft des Radtourismus und hat schon mal drei neue Holzhäuschen in seinen Garten gesetzt: Rustikale Herberge für müde Radler. Ansonsten fließen die Touristenströme an dem malerischen Ort vorbei. Dies war jedoch nicht immer so. Bis zur Eröffnung des Hindenburgdamms 1927 wurde der gesamte Seebäderverkehr zur Ferieninsel Sylt über den Hafen von Højer abgewickelt. Sonderzüge brachten die Urlauber von Hamburg an die Vidå Schleuse, die heute allenfalls noch als Touristenattraktion taugt. Der Schienenverkehr wurde längst gekappt.
Unzählige Schwalben und später Fledermäuse umkreisen in den Abendstunden die pittoreske Silhouette aus reetgedeckten Fachwerkhäusern, dem Kirchturm und der imposanten Windmühle, dem Markenzeichen des Ortes. In der Dämmerung sind außer dem Künstler Peder Ewald Messen in seinem Freiluftatelier nur noch die Eulen unterwegs. Eine unerwartete friedliche Ruhe liegt über dem Ort.
Møgeltønder und Tønder
Der Wind am nächsten Tag weht jedoch erwartungsgemäß aus Westen. Raschelnd zieht er durch die schilfbestandenen unzähligen Gräben, wiegt sanft die rosafarbenen Blütenstände der majestätischen Schwanenblumen und schiebt die Radler Richtung Südosten. Meckernd kommentieren Hunderte von Schafen die vorbeigleitenden Radler, über dem platten Marschland türmen sich am blauen Himmel ständig neue Wolkenschlösser auf, und die Kirchturmspitzen kündigen weit sichtbar die nächste Ortschaft an.
In Møgeltønder holpern die Räder über das Kopfsteinpflaster der angeblich schönsten Dorfstraße Dänemarks. Gesäumt wird die „hyggelige“ Flaniermeile mit ihren Antikläden und Cafés von den ehemaligen Wohnhäusern der Bediensteten des 1664 gebauten „Schackenborg Slot“. Heute gehört es dem dänischen Prinzen Joachim.
Nur fünf Kilometer weiter geht das Volk auf die Straße. Vier Musiker, die obligatorische „Pølser-Bude“, Bierausschank und gutes Wetter reichen aus, um den Marktplatz von Tønder in einen Tanzboden für jung und alt zu verwandeln. Auch Tønder kann auf wirtschaftlich bessere Zeiten zurück blicken. Über 12.000 Frauen und Männer waren im 18. Jahrhundert mit der Herstellung von Klöppelarbeiten beschäftigt. Die ansehnlichen Bürgerhäuser im Stadtzentrum zeugen vom damaligen Reichtum. Ein alle drei Jahre stattfindendes Klöppelfestival erinnert noch an diesen einstmals blühenden Wirtschaftszweig.
Ohne Schläge durch Süderlügum Einige Kilometer südlich kreuzt der Radweg erneut die zunächst unsichtbare Ländergrenze. Kaum ist jedoch das Ortsschild von Aventoft passiert, ist es vorbei mit der dänischen Gemütlichkeit, genau wie in der Nachbargemeinde Süderlügum. „Es ist leichter, durchs Fegefeuer zu kommen als ohne Schläge durch Süderlügum“, sagte man früher, wenn die Viehhändler auf dem Weg nach Husum und Hamburg mit ihren Herden in Süderlügum Station machten. Schläge muss hier heute sicher niemand fürchten, lebhaftes Treiben herrscht hier aber nach wie vor – und zwar an sieben Tagen in der Woche. Auf die Diskussion um die Ladenöffnungszeiten im restlichen Deutschland reagieren die Händler und Hoteliers hier lediglich mit Kopfschütteln. Der rege Grenzhandel sorgt für Einkommen und Arbeitsplätze.
Die unterschiedlichen Mehrwertsteuersätze treiben die Dänen in Scharen auf Einkaufstour in die beiden Grenzgemeinden. Alkoholika, Bier (selbst dänisches!), Schokolade, Tabak und Zigaretten werden in den Autos verstaut, bevor es zurück nach Dänemark geht. Die alte Zollstation am ehemaligen Grenzübergang bei Sæd nimmt dabei kaum noch jemand wahr. Sie ist seit dem Inkrafttreten des Schengener Abkommens am 25. März 2001 das Refugium von Carl Jørgensen: Einst als Zollfahnder, heute als Museumsleiter. Er nimmt sich Zeit für seine Gäste. Bei einer Tasse Kaffee in der ehemaligen Zollabfertigung, heute Lesesaal und Cafeteria, erzählt er von Grenzpatrouillen, Schmugglern und auch von der Zeit der Besatzung. Dieser Phase der deutsch-dänischen Beziehungen, die am 9. April 1940 mit dem Einmarsch deutscher Truppen begann, hat er einen Großteil der Ausstellung seines Privatmuseums gewidmet. Während sich Jørgensen mit den militärischen Aspekten dieser Periode beschäftigt, dokumentiert die KZ-Gedenk- und Begegnungsstätte Ladelund die Unmenschlichkeit des deutschen Naziregimes. In den sechs Wochen seines Bestehens kamen hier 1944 mehr als 300 Häftlinge, darunter viele Niederländer, um.
Zwischen beiden Orten herrscht absolute Ruhe. Zeit zum Nachdenken, zum Treiben lassen. Grenzbetrachtungen – dem einen Hindernis, dem anderen Orientierung. Die Menschen hier haben jeder eine etwas andere Betrachtungsweise, schöpfen ihre Identität aus der jeweiligen Landeszugehörigkeit und sind doch eine grenzübergreifende neue Form des Zusammenlebens eingegangen.
Freiwillig blieb hier niemand Die hervorragend geführte Radroute hält die Radler fern vom Autoverkehr. Auf kleinen Straßen, überwiegend asphaltiert, geht es größtenteils Richtung Osten. An insgesamt 13 Stellen kreuzt die Route den historischen Grenzverlauf. Hecken heißen hier Knicks und bieten sowohl den Kühen als auch den Radfahrern Windschutz. Heideflächen, ausgedehnte Wälder, Moore – ab und zu kreuzt ein Reh den Weg, mal schallt ein freundliches „Hej“, mal ein beherztes „Moin“ aus den Vorgärten zu den Radlern herüber.
Häuser sind hier im Grenzgebiet an vielen Stellen auch heute noch dünn gesät, denn freiwillig blieb hier niemand. Das stellte auch der dänische König Friedrich V. fest. Als die von ihm angeworbenen Hessen und Württemberger in den Jahren 1761-1765 nach einer siebenwöchigen Reise im Planwagen die unfruchtbaren Heideflächen sahen, kehrten einige gleich wieder um. Um die übrigen zu halten, zahlte er jeder Familie einen hohen Preis: 40 Hektar Land, Haus, Mobiliar, Steuerfreiheit und kostenlose Arztbesuche für die Dauer von 20 Jahren.
40 derartige (Grenz-)Geschichten begleiten den Radler auf seinem Weg beiderseits der 1920 durch einen Volksentscheid festgelegten Landesgrenze. Neben witzig und interessant geschriebenen Texten bieten die aufgestellten Infotafeln aber auch viele für Radler notwendige Informationen wie Kartenausschnitte mit Angaben zu Entfernungen, Schutzhütten, Übernachtungsmöglichkeiten und alternativen Radrouten.
Dänemarks kleinster Grenzübergang Mit einem besonderen Kuriosum der Grenzgeschichte wartet Flensburg auf. Dabei ist der letzte Streckenabschnitt an die Flensburger Förde schon überraschend genug. Ungläubige Blicke erntete Kurt Ohlsson, Küster in der Kirche von Højer, als er zu Beginn der Radtour die Ostküste Jütlands scherzhaft als „dänische Alpen“ bezeichnete. Kurz hinter Padborg aber weiß jeder, was damit gemeint ist. Die Eismassen der letzten Eiszeit haben hier tief eingeschnittene Täler hinterlassen. Diese Hügel gilt es zu erklimmen, bevor es dann im schattigen Laubwald hinunter zum Grenzübergang nach Kruså geht.
Nur wenige Meter von Spielhalle und „Graensekro“ verschwindet die markierte Radroute im frischen Buchenwald. 1612 entstand hier Dänemarks lange Zeit größter Industriebetrieb, die „Kobbermölle“ (Kupfermühle). Über 200 Arbeiter waren hier im 18. Jahrhundert mit der Herstellung von Kupfer und Messingplatten zur Produktion von Schiffsbeschlägen und Dächern beschäftigt. 1962 wurde der Betrieb eingestellt. Heute ist hier ein Museum untergebracht.
Kurz vor dem öffentlichen Badestrand von Wassersleben führt ein schmaler Weg hinab zum kleinsten und zweifellos idyllischsten Grenzübergang, der Schusterkate. Er verdankt seine Existenz einem Kuriosum der Grenzziehung. Um den Flensburgern den Zutritt zu ihrem Wald, dem nach 1920 auf dänischem Territorium liegenden „Kollund Skov“ zu ermöglichen, wurde die Brücke über den Grenzfluß Kruså errichtet. Angesichts leerer Kassen sah sich die Stadt Flensburg im vergangenen Jahr jedoch zum Verkauf gezwungen und löste damit heftige Diskussionen aus. Doch die Angst, der traumhaft schöne Wald am Ufer der Förde könnte durch den Verkauf an einen dänischen Landwirt, demnächst der Säge zum Opfer fallen, scheint vorerst unbegründet. Deutsche und Dänen denken gemeinsam über die Zukunft des einmaligen Waldbiotops nach.
Flensburg– fast eine Großstadt Entlang der Flensburger Förde schlängelt sich der Radweg seinem Ziel entgegen. Flensburg empfängt seine Besucher mit emsiger Betriebsamkeit – fast eine Großstadt, nach 130 Kilometern durch oftmals unbewohnte Landschaften. Die moderne Hafenstadt hat ihre historischen Wurzeln, die alten Kapitäns- und Rumhäuser sind sehenswert herausgeputzt. Dänische und deutsche Sprache und Kultur sind hier eine unverwechselbare Mischung eingegangen. Die Tageszeitung „Flensborg Avis“ vereint in jeder Ausgabe sowohl deutsch- als auch dänischsprachige Beiträge. Die Dänische Zentralbibliothek bietet nicht nur Sprachkurse und Bücherverleih an, sondern beherbergt darüber hinaus ein umfangreiches Archiv zur Geschichte der Grenzregion. Die Grenze ist allgegenwärtig, aber nicht als Barriere, sondern vielmehr als Bestandteil einer gemeinsamen Vergangenheit und Zukunft.
In Hansens Brauerei, einer kleinen Privatbrauerei am Flensburger Hafen, findet die Radtour am späten Abend ein erfrischend wohlschmeckendes länderübergreifendes Ende: „Skål!“ und „Prost!“ – Dänen und Deutsche stoßen friedlich auf das gemeinsame Wohl an.
Text: Yörn Kreib
Weitere Information: Anreise mit dem Zug (via Niebüll) nach Tønder. Von dort mit dem Bus nach Højer (oder mit dem Rad). Flensburg ist mit dem Zug ab Hamburg komfortabel erreichbar. Fahrradmitnahme ist in vielen Zügen möglich (
http://www.bahn.de). Für den grenzüberschreitenden Zugverkehr bietet die LVS Schleswig-Holstein unter anderem ein sogenanntes „Nachbarticket“ mit speziellen Kleingruppentarifen (
http://www.lvs-sh.de,Tel. 04 31 / 660 19 22).
Die 130 Kilometer lange Grenzroute kann von sportlichen Radfahrern sicher auch an einem Tag abgeradelt werden. Um die vielen Attraktionen an der Strecke aber nicht zu verpassen, sollte man mindestens drei Radtage einplanen. Radkarten zum Herunterladen, unterhaltsame Geschichten zur „Grenzkultur“, Informationen zu Übernachtungs- und Erlebnismöglichkeiten und vieles, vieles mehr finden sich unter
http://www.grenzroute.com.
Bei Dänemarks offizieller Tourismuszentrale sind regionale Informationsbroschüren und Straßenkarten erhältlich:
VisitDenmark
Postfach 70 17 40
D-22017 Hamburg
Tel. 018 05 / 32 64 63 (14 Cent/Min.)
http://www.visitdenmark.com (jetzt mit Onlinebuchung von über 26.000 Ferienhäusern sowie fast 300 Hotels und Jugendherbergen).
Informationen zur Wetterlage im Grenzgebiet bietet der dänische Wetterdienst:
http://www.dmi.dk. Zahlungsmittel auf beiden Seiten der Grenze ist sowohl der Euro als auch die Krone.
Mehrtägige Radpauschalen auf der Grenzroute bietet: Gebietsgemeinschaft Grünes Binnenland, Stapelholmer Weg 13, 24963 Tarp, Tel. 046 38 / 89 84 04, info@tourismus-nord.de,
http://www.tourismus-nord.de. Dort ist auch ein Radwanderführer für das deutsch-dänische Grenzland erhältlich (kostenlos gegen drei Euro für Porto und Verpackung).
Zahlreiche Unterkünfte haben sich speziell auf Radurlauber eingestellt wie z.B. das Motel Højer (
http://www.motel-hoejer.dk; Tel. 00 45 / 74 78 28 18) oder der neu eröffnete Vier-Sterne-Campingplatz „Mitte“ in Medelby, mit großzügigem Wellnessbereich (Sauna, Schwimmbad),
http://www.camping-mitte.de, Tel. 046 05 / 20 93 23.
Weitere Informationen beim Højer Turistkontor (Tel. 00 45 / 74 78 29 93,
http://www.visithoejer.dk), Wattwanderungen zum Beispiel bei Dansk Natursafari (Iver Gram),
http://www.natursafari.dk.
Informationen zu Flensburg (zum Beispiel Stadtführungen) unter http://www.flensburg-tourismus.de, info@flensburg-tourismus.de, Tel. 04 61 / 909 09 20, zur Region Flensburger Förde unter
http://www.flensburg-fjord.de.
Allgemeine Informationen zu Südjütland sind erhältlich unter
http://www.sydjylland.com.
Tipp 1: Kombination der Radtour mit einem Wellness- und Badeaufenthalt auf der dänischen Insel Rømø, z.B. im Hotel Kommandørgården,
http://www.kommandoergaarden.dk (Tel. 00 45 / 74 75 51 22).
Weitere Informationen zur Region Rømø – Tønder unter
http://www.romo.dk (Tel. 00 45 / 74 75 51 30). Am ersten Wochenende im Juni findet in Tønder das Klöppel-Festival statt (
http://www.kniplings-festival.dk).
Tipp 2: Wer Lust auf Grenzgeschichten bekommen hat, hängt ab Flensburg/Kruså noch eine Wanderung (auch mit dem Rad möglich) auf dem 74 Kilometer langen Gendarmenweg an. Informationen hierzu entweder unter
http://www.grenzroute.com oder
http://www.flensburg-fjord.de.
Das mittlerweile in 4. Auflage erschienene Bändchen „Oh, dieses Dänisch!“ von Reinhart Behr verspricht nicht nur interessante Einblicke in die Sprache unserer nördlichen Nachbarn, sondern fordert auf äußerst amüsante Art zu eigenen ersten Sprachversuchen im Dänischen auf (60 Seiten, 4. Auflage 2006, 4,90 €, erschienen im Conrad Stein Verlag,
http://www.conrad-stein-verlag.de).
Südjütländische RoggenbrottorteRegionale Spezialität, die traditionsgemäß auf der südjütländischen Kaffeetafel nicht fehlen darf.
Zutaten: 6 Eier, 100 g geriebenes Roggenbrot, 1 TL Backpulver, 250 g Zucker, 100 g gehackte Nüsse (Wal- oder Haselnüsse). Füllung: ½ l Schlagsahne, 50 g Nüsse, Schwarze Johannisbeermarmelade, Gehackte Nüsse oder gehobelte Schokolade zur Garnierung.
Das frische, aber trockene Roggenbrot fein zerreiben oder im Mixer zerkleinern. Die Nüsse nicht zu klein hacken. Die Eier teilen und das Eiweiß steif schlagen. Den Zucker vorsichtig unterheben. Eigelb nach und nach zugeben. Roggenbrot und Nüsse mischen und vorsichtig zur Eiermasse geben. Backpulver einrühren. Den Teig in drei Portionen teilen und in einer mit gefettetem Backpapier ausgelegten kleinen Springform zu drei Böden backen (ca. 10 min. bei 220° C) . Die Tortenböden jeweils mit einer Füllung aus Schlagsahne und Marmelade abwechselnd aufeinander schichten. Den oberen Boden mit Sahne bestreichen und mit gerösteten Nüssen oder Schokolade garnieren.
Der Abdruck unserer Artikel ist honorarfrei. Um die Zusendung eines Belegexemplars wird gebeten.
Bildmaterial zum honorarfreien Download für dieses und andere Themen finden Sie
hier.